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veröffentlicht von Susann 09/2025
In der Aufstellungsarbeit reden wir sehr oft von "Schicksal" und im Endeffekt ist das Ziel, die natürliche Ordnung zwischen den Ebenen schrittweise wiederherzustellen. Was kann dem entgegenstehen? Gewohnheit, Verweigerung der Annahme, da der jeweilige Mensch schon zu lange in fremden Schuhen lief und gar nicht mehr merkt, dass es nicht die eigenen sind.
Aber der Reihe nach - ich werde ein Bild skizzieren und dies auch praxisnah demonstrieren.
Einer meiner Aufstellungsvorbilder Peter Orban sprach in Videos (Parentifizierungspartnerschaft - Teil 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 4 / Teil 5) über das Phänomen der Parentifizierung, "wenn die Kleinen zu den Großen werden". Das passiert häufiger als man denkt, weil die Eltern vielleicht in eine persönliche Krise geraten und das Kind dann seine Eltern schützen will. Nur ist das nicht seine Aufgabe und an dieser Stelle kommt es zu einer oft sehr langwierigen Verdrehung des natürlichen Gleichgewichtes von Kindern zu Eltern. Dadurch überhöhen sich die Kinder und spielen Eltern für ihre Eltern. Das hat natürlich Konsequenzen, da die Kleinen je nach Umstand ihre Kindheit (teilweise) aufgeben. Wir verlieren dadurch auch die Unterstützung der Eltern bzw. die Liebe fließt nicht mehr wie einst.
Es gibt sehr viele Familien, in denen die Kinder zu früh Erwachsenenrollen bekommen haben (oder: sich genommen haben). Manchmal wollen wir ewig die Rockzipfel der Mama, aber warum? Weil die Eltern (hier: die Mutter) nicht allein sein können oder eine Art inneren Auftrag übernommen haben? Das gilt es herauszufinden.
Wenn wir also nun die Familie des Klienten begutachten, wird schnell ersichtlich, dass ein Elternteil eventuell gar nicht anwesend ist, weil es mit seinem eigenen "Kram" beschäftigt ist. Auch hier kann es bereits sein, dass hier fremde Last im Spiel ist, so dass das Elternteil gar keinen Kopf für sein Kind hat.
An diesem Punkt kommen wir ins Spiel und das Schicksal, denn viele Klienten werfen den Eltern ihre Abwesenheit (berechtigterweise) vor. Diese Äußerungen des verletzen inneren Kindes zeigt, dass die Aufstellung in die richtige Richtung geht, da der Klient vom Verstand ins Herz kommt und seine zurückgehaltenen Gefühle und Bedürfnisse beginnen zu fließen.
Die Eltern haben jedoch, wie gesagt, ihre eigenen Gründe, warum sie abwesend waren und das gilt es anzuerkennen. Diese Anerkennung erfolgt meist über die Worte "Ich ehre deinen Weg und dein (schweres) Schicksal".
Meist sind die Stellvertreter der Eltern traurig oder reuevoll und wenn man sie befragt, kommt auch genau das zum Ausdruck. Der Aufstellungsleiter lässt hier die Eltern die Worte sagen: "Es tut mir leid, dass ich nicht für dich da war. Ich wusste es nicht besser".
Die Erleichterung ist oft deutlich bei den Beteiligten und im Feld zu spüren.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Damit ist nun nicht alles gut, aber das Anerkennen ist für alle unglaublich wichtig, um sich in die verschiedenen Perspektiven einzufühlen. Jeder hat seinen Weg und sein Schick- Sal.
Der Mystiker Bernhard Wirth, den ich sehr schätze, erklärt, dass Schick-Sal von "Heil schicken" kommt und "Heil" wiederum hat mit Ganzwerdung zu tun. Wir arbeiten Schicht um Schicht also daran, wieder vollständig zu werden.
Nun gibt es natürlich, wie gesagt, Fallstricke und Tücken unseres Verstandes, die uns trotz Bewusstmachung und Aufarbeitung über die Aufstellung wieder in alte Muster verfallen lässt und wie die oder der Große zu werden oder sein zu wollen. Das ist nachvollziehbar, da man sich nach und nach im wirklichen Leben aus dieser alten Haut erst herausschälen und entwickeln darf.
Was ich persönlich auch an dieser Arbeit sehr schätze, ist, dass man gnädig mit sich und seinen Mitmenschen sein darf, egal, wie schlimm die Umstände (scheinbar) sind.
Die persönliche Verletzung braucht auch seine Zeit zu heilen und täglich geht es immer leichter andere Pfade zu beschreiten.
Es heißt nicht umsonst, "wo ein Wille ist, ist auch ein Weg". Ein neuen Weg beschreiten wir mit dem ersten Schritt, den wir anders setzen, als wir es bisher gewohnt waren und so dürfen wir geduldig und in unserem eigenen individuellen Tempo voranschreiten.
Es gibt Serien und Filme, die dieses Thema mit ihren Figuren darstellen, wie zum Beispiel "Big" oder "Dreißig über Nacht", in denen die Kleinen über Nacht durch einen besonderen Auslöser erwachsen sind und sich mit dieser anderen Welt auseinandersetzen (müssen).