.
.
veröffentlicht von Susann 08/2025
Paul Watzlawick meinte „Man kann nicht nicht kommunizieren“ - und dem ist auch so.
Alles an uns spricht die ganze Zeit. Von unserer bewussten und unbewussten Mimik und Gestik ergießt sich für aufmerksame Beobachter ein wahres Füllhorn an Informationen.
Bernhard Wirth schrieb sehr ausführlich in seinem Buch über Charakterkunde ("Alles über Menschenkenntnis, Charakterkunde und Körpersprache"), welche Details sich beispielsweise an Gesichtsform, Augenbrauen, Körperhaltung und so weiter ablesen lassen.
Mich faszinierte die nonverbale Kommunikation schon als Kind, zumal man mir auch fortwährend beibrachte, Menschen genau zu beobachten und mehr auf Taten als auf Worte zu vertrauen. So bin ich aufgewachsen.
In der Schule wird hingegen hauptsächlich über Sprache gelehrt und gelernt: Auch ok. In meiner Abi-Zeit hatten wir als Thema die Trümmerliteratur, die mich begeisterte, was viele nicht ganz nachvollziehen konnte.
Das erstaunliche an dieser Literatur ist, dass für mein Gefühl diese Lyrik sehr genau und sehr präzise ist, vielleicht für viele schmucklos, aber genau dadurch essenziell. Mich hat besonders das Gedicht von „Inventur“ von Günther Eich bewegt.
Der Mensch hat ein Grundbedürfnis nach Kommunikation und Kontakt mit anderen. Bevor ich an die Samuel-Hahnemann-Schule kam, war es das Minimum an sprachlichem Ausdruck und gleichzeitig auch emotionalen Ausdrucks, den ich kannte. Oder: der mir bewusst war.
Dann sprach mein Lehrer Andreas Krüger über die Leibarbeit und ich wollte ab diesem Zeitpunkt diese Form der Therapie näher erforschen, da mir wichtig ist, auch für Menschen ohne Worte da sein zu können.
Die Leibarbeit besteht aus (überwiegend) nonverbalen Signalen. Ich kann die Haut des anderen fühlen und ihm auch unter selbige mit meinen Berührungen gehen.
Schon oft erlebte ich, wie Menschen in ein „Heil-Schütteln“ kamen und sich die Verhärtungen in ihnen lösten. Ich sah Menschen weinen, die zart berührt wurden oder konnte in ihrem Gesicht ablesen, wie sehr sie genossen, wonach ihr Leib rief.
Besonders gern erzähle ich von der oft stillen Begegnung der Teilnehmer in der Gruppe bei einer „Many Hands Session“.
„Many Hands“ bedeutet, dass ein oder zwei Menschen in der Mitte des Kreises liegen und der Rest sie beleibt. In einer Einzelsitzung weiß man, wer einen berührt. Bei "Many Hands" tut man das nicht mehr und daher ist es empfehlenswert, gerade diese Art zu erleben, denn das ist die Begegnung mit der Vielheit.
Wer den Schmerz im Knie lockert oder den angespannten Nacken beleibt, spielt keine Rolle, denn jeder berührt einen auf völlige andere Art und Weise und es tut im innersten gut, über Berührung „gesehen zu werden“ - und das wortlos!
Es ist von außen betrachtet wie eine kleines Konzert mit einem unsichtbaren Dirigenten. Die Beleibenden folgen ihren Impulsen und wechseln sich fließend in ihrer Arbeit ab. Wer eben noch am Kopf beleibte, tauscht mit dem, der gerade noch bei den Füßen war.
Manchmal gibt es Blicke und eine stumme Verständigung, was zu synchroner Arbeit zum Beispiel an beiden Armen führt, in denen sich eine Blockade unter Einsatz von gleichmäßigem Druck lösen will. Diesem Impuls folgend, lösen dann beide mit sanftem Ziehen, bis eine gewisse Entspannung zu spüren ist.
Ist die Session beendet, werden aus der Gruppe wieder Individuen, die aber über das Erlebte stärker miteinander verbunden sind, was einen signifikanten Nebeneffekt der Leibarbeit darstellt.
Wer möchte, darf Erlebnisse mitteilen. Oftmals ist es aber schon so, dass kaum oder nur wenig Worte gesprochen werden können. Es gibt häufig eher Ergriffenheit und zufriedenes Strahlen auf den Gesichtern. Das sagt mehr als 1000 Worte.
Genau das schätze und liebe ich an diesem Format – beredetes Schweigen.